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Unsere Handlungsfelder waren noch nie einfach

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Neue Wege-Gespräch von Monika Stocker mit Cécile Bühlmann, Geschäftsführerin des cfd

Die Geschichte des cfd ist verbunden mit dem Namen Gertrud Kurz, einer Frau, die sich vor und während des Zweiten Weltkrieges für die Flüchtlinge eingesetzt hat und als «Mutter Kurz» in die Geschichte der Schweiz einging. Nach dem Krieg, 1947, benannte sich die Bewegung um in «Christlicher Friedensdienst» (cfd). So heisst die Organisation noch heute: christlich/Frieden/Dienst – eigentlich ein «altmodisches Label», oder?

Der Name cfd ist tatsächlich alt, wir feiern dieses Jahr unser 75-jähriges Bestehen und so lange trägt der cfd diesen Namen. Das hat den Vorteil, dass er für alle, die dem cfd schon lange verbunden sind, erkennbar bleibt. Wir distanzieren uns in keiner Art und Weise von unserer Herkunft, aber wir haben uns im Laufe der 75 Jahre verändert. Zum «C» möchte ich gern die Gedanken unserer ehemaligen Präsidentin Doris Strahm erwähnen: Für viele Menschen sind Religionen Sinngefüge und Ordnungs-rahmen, und sie prägen seit Jahrhunderten die meisten Werte, Normen und Rituale, die das gesellschaftliche Zusammenleben regeln.

Was für eine feministische Organisation wie den cfd besonders wichtig ist: Religionen regelten und gestalteten die Beziehung der Geschlechter in einem enormen Ausmass. Als Teil patriarchaler Kulturen haben praktisch alle Religionen das patriarchale Geschlechterverhältnis gestützt und die Unterordnung der Frau unter den Mann bis heute religiös legitimiert. Nun steht die zweitrangige Stellung der Frau aber im Widerspruch zur ethischen Vorstellung von Gerechtigkeit und Recht im cfd-Leitbild: Der cfd entwickelt Politiken und Projekte zur Überwindung von Herrschaftsverhältnissen und Gewaltverhältnissen und von Ideologien, die diese zementieren. Als feministische Friedensorganisation, die ihr Engagement an der Vision von der Überwindung aller Herrschaftsverhältnissen und insbesondere aller Formen von Gewalt gegen Frauen orientiert, gehört für uns die Dekonstruktion religiöser Unterdrückungs- und Gewaltstrukturen mit zur Gesellschaftsanalyse.

Zum Begriff Frieden: Der Friedens-begriff des cfd ist absolut nicht altmodisch, im Gegenteil! Der cfd orientiert sich an der Vision eines guten Lebens für alle Menschen. Er arbeitet für eine Welt, in der Frauen und Männer, Menschen verschiedener Herkunft gleichberechtigten Zugang zu Lebensgrund lagen, zu Rechten und Mitbestimmung, zu Entwicklungs- und Entfaltungsmöglich-keiten haben. Die Grundlagen bilden der Gender- und der Empowerment-Ansatz und die feministische Friedenspolitik.

Bis Geschlechtergerechtigkeit gelebte Praxis ist Der cfd hat sich in den achtziger Jahren von einem personenbezogenen Hilfswerk zu einer feministischen Friedensorganisation entwickelt. Die Eröffnung der «Frauenstelle für Friedensarbeit» im Zürcher Sekretariat 1980 signalisierte diesen Wechsel der Perspektive. Und noch heute ist der cfd eine klar feministisch positionierte Organisation. Warum eigentlich?

Weil es noch viel zu tun gibt! Auch wenn der Begriff «Feminismus» immer wieder als vorbei und von gestern ab-geschrieben worden ist, stellen wir gerade heute wieder ein vermehrtes Interesse am Thema fest. Im Moment läuft eine wichtige Diskussion unter der Bezeichnung «Sexismusdebatte». Dabei geht es um den Kampf gegen die Diskriminierung und Herabsetzung von Frauen, ein urfeministisches Thema. Der cfd versteht seine Arbeit als langfristig und nachhaltig und möchte nicht den Modetrends folgen. Wir machen weiter, bis die Geschlechtergerechtigkeit gelebte Praxis ist.

In drei Regionen im Ausland ist der cfd aktiv: Maghreb, Naher Osten, Balkan. Warum gerade hier?

Das Engagement im Nahen Osten ist das älteste und kontinuierlichste des cfd. Es hat mit der Gründerin, ihrer Verbundenheit mit den jüdischen Flüchtlingen und ihrem Interesse am Aufbau des Staates Israel zu tun. In den siebziger Jahren äusserte sich der cfd zum ersten Mal kritisch zur Siedlungspolitik. Seither plädieren wir immer wieder für die Einhaltung der Menschenrechte in Israel und Palästina.

Das Engagement im Maghreb geht in die 70er Jahre zurück. Es begann mit der Unterstützung der Sahrauis. Heute haben wir je ein Länderprogramm in Marokko und Algerien. Das sind nicht klassische Länder der Entwicklungszusammenarbeit. Aber um die Frauenrechte steht es schlecht. Das zeigt gerade der «Arabische Frühling» mit aller Deutlichkeit! Und das Engagement in Südosteuropa ist auf die Kriege in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien zurückzuführen.

Neue Bewegungen in der Geschlechterfrage Gewalt in all ihren Formen ist Thema. Was steht da zurzeit im Vordergrund?

Der cfd beschäftigt sich seit langem schon mit den Ursachen der Gewalt, also mit dem, was man gemeinhin strukturelle Gewalt nennt. Ein Beispiel: In der Sechzehn-Tage-Kampagne gegen Gewalt an Frauen nehmen wir jedes Jahr eine strukturelle Ursache der Gewalt gegen Frauen in den Fokus und stellen diese in einen Zusammenhang mit der direkten Gewalt, wie sie misshandelte Frauen im Frauenhaus erleben. So thematisierten wir in der letzten Kampagne das sexistische Bild der Frauen in den Medien, die Geringschätzung und die Reduktion auf körperliche Merkmale oder ihre Nichterwähnung bei wichtigen Themen. Wir sehen darin einen der Gründe für die direkte Gewalt, die Frauen erfahren.

In allen drei Handlungsfeldern des cfd, der Entwicklungszusammenarbeit, dem Migrationsbereich und der Friedenspolitik sind schwierige Entwicklungen im Gange. Kann sich da der cfd einbringen, gar behaupten? Und wie?

Unsere Handlungsfelder waren noch nie einfach. Aber es ist ja gerade das Markenzeichen des cfd, dass er sich dort engagiert, wo es nicht einfach ist. Ich stelle fest, dass alle drei Themen schon unterschiedliche Phasen der Konjunktur erlebt haben.

Die Frauen- und die Friedensbewegung waren sicher schon powervoller und aktiver als heute. Aber gerade in der Geschlechterfrage bewegt sich zurzeit wieder etwas. Und der cfd hat sicher auch, weil er zwar der Bewegung nahe steht und doch eine gefestigte Organisation ist, diese konjunkturellen Aufs und Abs gut überstanden. Wir arbeiten auch ganz bewusst in vielen Netzwerken mit, damit unsere Anliegen breiter verankert und wirksamer umgesetzt werden können.

Frauen in prekären Verhältnissen 2008 gründete der cfd das Netzwerk Wide Switzerland (Women in Development) mit und führt gemeinsam mit dem Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung Izfg der Universität Bern dessen Geschäftsstelle. Geschlechterungleichheiten in der Care-Ökonomie stehen im Fokus. Welches sind in diesem Bereich die Zukunftsperspektiven für den cfd?

In Zeiten, in denen sich Wirtschafts- und Bankenkrisen im Jahrestakt folgen, muss sich eine feministische Organisation, die gerechte Verhältnisse weltweit zum Ziel hat, um den Zusammenhang zwischen der Care-Ökonomie, in der mehrheitlich Frauen unter prekären Verhältnissen tätig sind, und der übrigen Wirtschaft, die von Männern dominiert wird, kümmern. Wide ist ein spannendes Netzwerk, das sich in diesen Themenfeldern bewegt, deshalb ist es klar, dass der cfd dazugehört und darin eine Rolle spielt. Angesichts des anhaltenden Spardrucks auf soziale öffentliche Einrichtungen wird uns die Frage, wie eine gerechte Wirtschaft aussehen müsste, wohl noch eine Weile beschäftigen. •