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Wo wir herkommen – und (vielleicht) hingehen

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Damit aus der Arbeit in Not eine Arbeit des Wiederaufbaus wird

Aufgezeichnet und bearbeitet von Rayelle Niemann

Eine Spurensuche entlang der komplexen Geschichte eines Landes und der bewegten Biografie des Kinderzahnarztes Blend Hamza, der in Untergrundspitälern Wunden nähte und mit Gleichgesinnten für eine bessere Gesellschaft kämpfte.

Morgens hatten wir Appell auf dem Schulhof: In Uniformen, mit ausgestrecktem Arm und Liedern ehrten wir Hafez al Assad, Vater des Landes und Vorsitzender der Partei. Auf unseren Halstüchern stand: Die Jugend, Zukunft und Stärke von Al Baath. Ab dem siebten Schuljahr trugen wir die khakifarbene Uniform, mit der eine militärische Ausbildung begann. Wir wurden von klein auf darauf vorbereitet, dass wir Hafez al Assads Soldaten für den Traum von Watan el Arabi, der Einheit der Arabischen Völker, sind.

Sozialismus und Religion Wegen niedriger Löhne in Syrien träumten viele in den 1980er- und 90er-Jahren von einer Anstellung in Libyen oder den Golfstaaten. Mein Vater, Lehrer für Arabisch, fand 1993 Arbeit in Katar. Dort war das Auswendiglernen vom Koran und das Lernen über das Leben des Propheten Mohammed ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts. In Syrien dagegen wurde auf die religiöse Erziehung in Staatsschulen nicht viel Wert gelegt. Doch was beide Systeme verband, war der gleiche «soziale Antrieb»: Ehre und Würde der Familie standen im Zentrum des Lebens.

Obwohl der Assad-Clan einen einheitlichen Staatssozialismus propagierte, war die Gesellschaft von Zersplitterung geprägt: getrennt nach religiösen/ethnischen Mehrheiten, Familienzugehörigkeit, Klassen, reich oder neureich durch Korruption, Stadt- und Landbevölkerung. ChristInnen wohnten, egal wo, für sich, AlawitInnen am Mittelmeer, DrusInnen im Süden, KurdInnen im Norden, SunnitInnen in Aleppo und Deir ez-Zor. In Damaskus lebten die einzelnen Gruppen in verschiedenen Stadtteilen.

Menschen unterschiedlicher Herkunft und Zugehörigkeit waren keine Feinde, aber es gab Unterschiede, Leben, die sich nicht berührten. Es war ein Nebeneinander, kein miteinander. Das Leben war geprägt von unterschwelligen Spannungen, sich gegenseitig über- beziehungsweise unterlegen zu fühlen. Jede Gruppe, jede Familie hatte ein eigenes Verständnis von Würde, von Schande und Scham. Zusätzlich zu den grossen ökonomischen Unterschieden kam der stetige Kampf um Werte, der oft über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft bzw. in den jeweiligen Gruppen ausgetragen wurde.

Aktivismus vor der Revolution In Damaskus kam ich 2004 mit Leuten in Kontakt, die in einem Waisenhaus arbeiteten. Dort fand ich als Freiwilliger heraus, dass nicht Waisen im Heim wohnten, sondern Strassenkinder. Wieder sah ich mich mit einer «Schande» der Gesellschaft konfrontiert. «Offiziell» hatte Syrien keine Strassenkinder. Sie wurden verachtet und galten als haram, unrein. Auch um Gelder zu bekommen, war es einfacher, von Waisen zu sprechen als von Strassenkindern.

Zudem habe ich in einem Frauenhaus gearbeitet: Eine NGO hatte in Zusammenarbeit mit einer Kirche das Haus an einem geheimen Ort in Damaskus geführt. Es kamen geschlagene Frauen oder solche, die ohne Einwilligung des Vaters geheiratet hatten und daher Gewalt ausgesetzt waren; es kamen Frauen, die unehelich schwanger geworden waren und denen vorgeworfen wurde, aussereheliche Beziehungen zu haben.

Wie viele wollte auch ich unsere Gesellschaft verbessern. Unser Traum war die Aufhebung von sozialen Unterschieden, die Gleichberechtigung von Frau und Mann, die Akzeptanz von Homosexualität. Als lose Gruppe von Gleichgesinnten verstanden wir uns als AktivistInnen. Mit viel Optimismus haben wir an der Universität und in unserem Umfeld versucht, die Gesellschaft von «Scham» zu befreien. Wir machten auf menschliche Realitäten und so auf Tabus und Ängste aufmerksam. Diese Konfrontationen waren nie geplant, wir handelten spontan. Vielleicht hätten wir mehr erreicht, wenn wir Strategien entwickelt hätten.

Organisationen, die sich NGOs nannten, standen unter der Ägide von Asma al Assad, der Frau des Präsidenten. Viele dieser Projekte klangen in ihren Ansätzen positiv. Auch das «Waisenhaus» war Teil des Asma al Assad NGO-Imperiums. Das heisst, die Nichtregierungsorganisationen waren beinahe vollständig unter der Kontrolle und dem Einfluss des Regimes, durchtränkt von Korruption und Vetternwirtschaft. Sie widerspiegelten damit auch die gesellschaftlichen Machtstrukturen.

Die meisten meiner FreundInnen, die in Projekten von NGOs arbeiteten, waren nicht blind gegenüber dem Einfluss durch die Regierung. Ähnlich wie aktuell in der Türkei, wo viele Gelder der humanitären Hilfe im Dickicht von Mafia, Kriminalität und Korruption verschwinden, ist – sozial betrachtet – die Arbeit Einzelner aber wichtig und wertvoll.

März 2011 Bereits für den 5. Februar 2011 war eine Demonstration vor dem Parlament in Damaskus auf Facebook angekündigt, doch es kam niemand. Das war eine sehr grosse Enttäuschung. Deswegen habe ich den Aufruf für eine Demonstration im Stadtteil Al Hamidiyah am 15. März nicht sehr ernst genommen. Als dann Ende März die Machtzentrale der Ba’ath-Partei in Damaskus brannte, hatte dies eine viel grössere symbolische Kraft als das Verbrennen von Plakaten, auf denen Hafez al Assad und sein Sohn Bashar abgebildet waren. Es gab kein Zurück. Es war aufregend. Es war schön. Es war ein Traum. Es war realistisch. Und – wir hatten auch Angst. Heute sagen selbst AktivistInnen, dass wir naiv waren. Aber das waren wir zu keinem Zeitpunkt. Wir kannten Assad als Tyrannen, als Diktator. Was hätten wir erwarten sollen? Man kann naiv sein, um zu heiraten, aber man kann nicht naiv sein, um in Syrien unter Bashar al Assad auf die Strasse zu gehen. Das ist eine Simplifizierung der Situation. Und uns, die wir auf die Strasse gegangen sind, wird so die Intelligenz abgesprochen.

Wir haben gewusst, dass es zu Gewalt kommen wird. Zwar haben wir nicht damit gerechnet, dass Europa und die Welt uns nicht unterstützen werden, dass sich Russland und Iran militärisch einmischen würden. Aber die gewaltsame Reaktion des Regimes war keine Überraschung. Wir waren bestimmt politisch gesehen naiv. Niemand hatte einen Plan, niemand hatte Erfahrungen in der Transformation von politischer Macht.

Illegale Medikamentenlieferungen Ich arbeitete damals für ein pharmazeutisches Unternehmen mit Namen Al Shareka al Watanyya – National Company, obwohl es eine private Firma war. Da ich als Vertreter unterwegs war, war mein Firmenauto immer voller Medikamente. An Checkpoints sahen die Soldaten das Firmenlogo auf dem Auto und winkten mich durch. Das ist zwei, drei Mal gut gegangen und hat mich ermutigt, weiterhin Feldspitäler illegal mit Medikamenten zu beliefern. Schliesslich musste ich meinen Vorgesetzten einweihen, da ich mehr auf «Freifahrten» unterwegs war als auf Arbeitswegen. Obwohl mir seine Haltung gegenüber dem Regime klar schien, war es doch ein Risiko. Aber ich hatte Glück, er stand auf der Seite der AktivistInnen. Heute lebt er in Deutschland im Exil.

Er half mir, die benötigten Medikamente zusammenzustellen, und ich konnte den Wagen der Firma «offiziell» ausserhalb meiner regulären Arbeitszeiten benutzen. Das sprach sich herum. Ich wurde oft angerufen, nicht nur aus Damaskus, auch aus umliegenden Ortschaften, sogar aus Homs, Idlib, Deir ez-Zor. Natürlich war ich voller Adrenalin, wenn ich mit dem Auto der National Pharmaceutical Company über Checkpoints fuhr und Medikamente an illegale Orte brachte. Als die Situation sich zuspitzte und immer mehr Tote und Verletzte in die gefährdeten Untergrundspitäler eingeliefert wurden, habe ich auch genäht, Wunden versorgt. Wir waren alle unter Adrenalin. Sonst hätten wir das gar nicht machen können. In diesen Monaten habe ich sehr viel gesehen. Und gelernt.

Meinen Doktor in Kinderzahnmedizin hatte ich Anfang 2012 erfolgreich verteidigt, als ich für eine Woche ins Gefängnis kam. Bei der Freilassung wurde mir gesagt, dass mein Vater bzw. Onkel dafür bezahlt habe, aber das wurde mir von beiden nie bestätigt. Ich hatte ein laufendes Gerichtsverfahren. In Damaskus sagte mir der Portier meines Wohnhauses, dass Leute da waren, die mich gesucht hatten. Mein Vater rief aus Hasakeh an. Auch dort wurde ich gesucht. Es war sehr gefährlich, in Feldspitälern zu arbeiten. Leute, die deshalb verhaftet wurden, wurden meist sofort erschossen. Ein Kollege kam auf diese Weise zu Tode. Nahestehende Menschen rieten mir zu gehen, weil klar war, dass ich auch auf dieser Liste stand – obwohl ich nie unter meinem richtigen Namen gearbeitet habe. Ich war bereits 2004 und 2009 wegen meines kurdischen Namens im Gefängnis. Nun hatte mein Vater für mich einen Schlepper organisiert und bezahlt. So kam ich über die Grenze in die Türkei und flog mit einem gefälschten italienischen Pass in die Schweiz, um einer dritten Festnahme und wahrscheinlich auch meiner Ermordung zu entgehen.

Mein syrisches Ich Manchmal vergesse ich, dass ich im Exil lebe. Dann erwischt es mich wieder, und es kommt Nostalgie auf, die Sehnsucht nach meinem syrischen Ich. Meine Wahrnehmungen, meine Gedanken waren ganz andere. Nicht besser, aber anders. Das vermisse ich. Ich unterdrücke viel. Meine FreundInnen sind tot oder im Exil, wie auch meine Familie. Als ich den Asylprozess der Schweiz verstand, dachte ich, vielleicht wäre ich besser nach Ägypten geflüchtet oder in der Türkei geblieben. Ich versuchte, in Schweden und England Asyl zu beantragen, doch wegen des Dublin-Abkommens wurde ich zurückgeschickt. Es war sehr entwürdigend, mit Handschellen und in Begleitung von Polizei in ein Flugzeug zu steigen. Ich lernte Deutsch, bekam die B-Niederlassung und arbeitete im Juch der Asylorganisation Zürich als Dolmetscher. Dann kam der Entscheid, dass hier mein syrisches Zahnarztdiplom nicht anerkannt wird. Inzwischen habe ich die Hälfte der drei Studienjahre, die ich wiederholen muss, hinter mir. Wenn ich dann mein Schweizer Zahnarztdiplom in der Hand habe, werde ich ein weiteres Mal realisieren, dass ich im Exil bin.

Wenn du etwas ändern möchtest, musst du dich selber ändern, klar. Aber es ist auch eine Vereinfachung der Komplexität. Natürlich haben wir es soweit kommen lassen. Wir sind Teil dieser Entwicklung. Wir waren korrupt, wir haben nebeneinander, nicht miteinander gelebt. Wir haben erlaubt, dass die Gesellschaft so fragmentiert werden konnte. Ja, wir tragen eine Mitschuld – an allem. Selbst nach diesen sechs Jahren, nach all den Toten, den Vertriebenen, der Zerstörung scheint es immer noch leichter, Assad zu beseitigen, als uns selbst zu verändern. Dieses «wir» ist natürlich etwas Grosses. Viele Einzelpersonen wollen Gutes für Syrien. Doch wenn wir von Opposition sprechen, sei es vom Syrischen Nationalrat, oder dem Nationalkomitee für einen Demokratischen Wandel (der einzigen Gruppe, die von der Regierung anerkannt wird) oder vom Dachverband der Nationalen Koalition der Syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte, der an westlichen Verhandlungstischen sitzt – jede Organisation ist beeinflusst durch Interessen von Saudi-Arabien, der Türkei, Katar, den Muslimbrüdern und natürlich von der Regierung.

Wer vertritt die Interessen des syrischen Volkes? Wer ist das syrische Volk? Leider habe ich die Hoffnung verloren, dass sich eine neue Opposition mit anderen Inhalten gründet, mit neuer Energie, erfahrener und reifer. Wir waren zu schwach, um Bashar al Assad zu vertreiben. Und das, was wir selbst hätten beeinflussen können, nämlich uns zu verändern, das haben wir nicht geschafft. Auch wenn wir die vierzig vergangenen Jahre unter dem Assad-Clan zu den letzten sechs Jahren dazu zählen, ist es historisch gesehen eine kurze Zeit. Doch wir leben in einer menschlichen Dimension. Und dann ist es lang.

Syrien – heute und morgen Das Töten muss aufhören. Zur Stabilisierung der Waffenruhe kann eine föderalistische Lösung wie im ehemaligen Jugoslawien beitragen, eine Aufteilung in Sektoren – wie es eigentlich früher bereits ohne Grenzen und Checkpoints war. TräumerInnen sprechen von optimalen Lösungen, obwohl die Regierung, die Opposition wie auch die internationalen Mächte schlecht sind. Für den Moment gibt es nur kleine Schritte und Kompromisse als vorübergehende Lösungen. Heute sind weder die Städte Hasakeh und Lattakia, noch Homs, Deraa’ oder Damaskus Syrien. Neue Fragmentierungen sind hinzugekommen, nicht zuletzt durch die Syrerinnen und Syrer, die nun im Exil leben. Distanz zueinander, auch wenn es eine scheinbare Sicherheit ist, gäbe den Menschen Zeit, Traumata zu überwinden und wieder zu wachsen. Das ist nicht leicht. Auch ich möchte lieber ein grosses Syrien. Doch ich glaube, es wird lange dauern, bis alle Bevölkerungsgruppen an einem gemeinsamen politischen System teilhaben und konfessionelle Parität gerecht geregelt werden können. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle, genauso wie die Geschichtsschreibung. Aber die Befürchtung bleibt, dass es zig verschiedene Narrationen der Ereignisse geben wird.

In den letzten Jahren sind viele zivilgesellschaftliche Projekte in verschiedenen Gebieten, auch in Flüchtlingslagern, entstanden. AktivistInnen, unterstützt von internationalen Organisationen wie zum Beispiel adopt a revolution, arbeiten an Wissensaustausch und an der Umsetzung von Urban Gardening, Schulen, medizinischer Vorsorge, Frauenprojekten, Medienarbeit für Radio, Zeitschriften und Dokumentarfilmen. Zu hoffen ist, dass all diese Kräfte und ihre Erfahrungen Teil des Friedensprozesses werden, damit aus der Arbeit in Not eine Arbeit des Wiederaufbaus wird. Menschen müssen sich weiter im Kleinsten für ein friedliches Zusammenleben einsetzen, gerade in Zeiten wie jetzt, in denen Chaos herrscht, wo VerräterInnen, egal von welcher Seite, identifiziert und Tote gerächt werden. Vielleicht wird eine Generation nach fünfzig Jahren herausfinden, wie dumm die Väter und Mütter waren und machen es selbst ein bisschen besser. •

Blend Hamza, wurde 1984 in Hasakeh geboren, einer mehrheitlich kurdischen Stadt im Nordosten von Syrien, wo er in die Primar-schule ging. Die Matura machte er in Katar und studierte Zahnmedizin in Damaskus. Inzwischen lebt Hamza in Zürich, studiert zum zweiten Mal, und ist ein begnadeter Schauspieler und ein Sprachtalent.

Rayelle Niemann, *1958, ist freie Kuratorin. Zwischen 2003 und 2012 lebte sie im Nahen Osten. Wieder in Zürich arbeitet sie unter anderem an Ausstellungen, Film- und Gesprächsreihen zu Syrien und Migration.