Lesetips Rezension


Saral Sarkar: Die nachhaltige Gesellschaft. Eine kritische Analyse der Systemalternativen, Rotpunktverlag, Zürich, 2001,
454 Seiten, 38 Franken.
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Saral Sarkar, ein in Deutschland lebender Inder, wird deutlich: Die Wirtschaften der Industrieländer müssen schrumpfen, Nachhaltigkeit im Kapitalismus gibt es nicht, der Sozialismus bleibt ein moralisches Projekt. «Es liegt nicht im Interesse der Arbeiter-Innen in der Ersten Welt, die Forderung zu unterstützen, dass ArbeiterInnen in der Dritten Welt die gleichen Löhne bekommen wie sie. Entweder unterstützen sie sie aus moralischen Gründen oder gar nicht.» Und gleich noch einmal bringt Sarkar den im politischen Diskurs inzwischen verpönten Begriff ins Spiel, nämlich wenn es um künftige Generationen geht und die Nach-mirdie-Sintflut-Haltung: «Nur ein Sinn für Moral hält uns davon ab, so zu denken.» Ist dieser Fortschritt zu verantwortlichem Denken und Handeln möglich? Bei seinem vorsichtigen Ja beruft sich der Autor auf Erich Fromm.
Vielleicht ist dieser Anspruch, sein Bestehen auf einer vor Jahrzehnten noch weit herum geteilten Hoffnung, heute die grössere Provokation als das, was Sarkar über ökologische Notwendigkeiten und die Katastrophen des Kapitalismus ins Feld führt. Die sehen wir ja im Grunde genommen alle, in wachen Momenten. Hier wird nur noch einmal zusammengefasst. Schritt für Schritt, manchmal ermüdend. Offensichtlich soll uns durch das Wiederholen gewisser Kernpunkte ein Ausweichen verunmöglicht werden. Zu gern hörten wir doch, Wohlstand liesse sich bei halbiertem Verbrauch der Ressourcen sogar verdoppeln, die Ökologie müsse nicht wachstumsfeindlich sein. Doch, sie muss! Für uns ganz sicher.
Dass der Autor schon von seiner Person her stets die arme und die reiche Welt als Gesamtes im Blick hat, macht das Buch stark. Dabei ist er auf alle Seiten unbequem. Etwa in der Bevölkerungsfrage. Der plötzlichen Begeisterung für indigene Völker und jeder Naturschwärmerei begegnet er mit Skepsis. Umgekehrt wirkt sein Vertrauen in vernünftige Planung fast naiv. Doch dass die Umsetzung von Ideen ihre Tücken hat und Sozialismus zumal in Verbindung mit Verzicht alles andere als populär ist, weiss er. Er nahm grün-alternative Politik nicht nur als Publizist für eine Studie der United Nations University unter die Lupe, er war von 1982 bis 1987 selbst Mitglied der deutschen Grünen. Damals dominierten dort Leute aus sozialistischem Umfeld. Sie verbanden die Vorstellungen vom ökologischen Umbau der Industriegesellschaft mit traditionell linker Politik: «Heute ist das Ideal der Bündnisgrünen einfach der Öko-Kapitalismus.»
Sarkar engagiert sich jetzt mit Maria Mies, seiner Lebensgefährtin und Autorin einer Dokumentation zur «Globalisierung von unten», im allgemeinen Aufbruch gegen den Neoliberalismus. Dass er weiter auf Sozialismus setzt, einen ohne Anführungszeichen, könnte trotzig erscheinen. Sicher sei das «ein Hut, der seine Form verloren hat, weil ihn zu viele Leute getragen haben». Ähnliches gelte für den Begriff Grün. Doch beides steht bei ihm für Überlebensnotwendigkeiten. Mit einem radikalen Öko-Sozialismus sind sie neu zu verknüpfen; eine umfassende Bewegung braucht «eine umfassende Theorie, eine umfassende Analyse ». In diesem Sinne ist der vorliegende Entwurf, bei etlichen Vorbehalten und Zweifeln im Detail, zu empfehlen.
Hans Steiger

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