Um es gleich vorwegzunehmen: Regula Stämpfli, profunde Kennerin der
Schweizerischen Politik, in Brüssel lebend und damit auch eine für
die unabhängige Analyse wichtige Distanz wahr, bietet einen präzisen,
wunderbar schmissigen Einblick in die Funktionsweisen der Schweizer Politik;
ihr Werk kommt kurz vor den eidgenössischen Wahlen im Herbst wie
gerufen! In fünf gut lesbaren Essays beschreibt sie prägnant
die Mechanismen der Politik; und in einem Abc bietet sie einen Überblick
über Begriffe und (Un-)Worte aus der Politszene, so dass die politischen
Analysen der Tagespresse entzifferbar (und damit auch kritisch einschätzbar)
werden.
Haben Sie gewusst, dass die Hälfte aller weltweiten Abstimmungen
auf die Schweiz fällt? Wie steht es um den Zusammenhang zwischen
Urdemokratie und Verweigerung des Stimmrechts der Frauen bis 1971? Und
warum ist es gerade unschweizerisch, «schweizerisch» zu sein?
Fragen, die Regula Stämpfli in ihrem ersten Essay Die Macht der Politik
oder: Welche Demokratie ist gemeint? aufgreift. Sie skizziert den Wandel
vom Staatenbund zum Bundesstaat, nimmt den Anspruch der Schweiz, Urdemokratie
zu sein, kritisch ins Visier, diskutiert den Begriff «Volk»
und schält die Eigenarten helvetischer Organisation politischer Macht
differenziert heraus, indem sie – gekonnt und flüssig –
auch durch die politischen Systeme Europas flaniert.
Die politische Gegenwart der Vergangenheit, so die Überschrift des
zweiten Essays, zeigt den Zusammenhang zwischen Politik und Geschichte.
(Ein Beispiel: Der Widerstand gegen die Einführung der Sommerzeit
lässt sich als Wiederholung des Widerstandes gegen die Einführung
eines einheitlichen Zeitmasses bei der Gründung des Bundesstaates
1848 erklären.) Die Historikerin Regula Stämpfli dokumentiert
geschichtliche Fragestellungen (Organisation des Verkehrs, der Finanzen,
der Bildung und der Zölle bei der Bundesstaatsgründung) so,
dass sie zur Erhellung politischer Mechanismen der Gegenwart beitragen.
Was wiederum die Politologin Stämpfli zu weiterführenden Reflexionen
antreibt.
Und was hat das Nein zum EWR mit dem Konkurs der Swissair zu tun? Diese
Zusammenhänge dröselt die Autorin im dritten Essay Die Verwirtschaftlichung
der Politik auf. Sie verweist darauf, dass in den letzten Jahren nur gerade
zwei Abstimmungen gegen die Wirtschaft gewonnen wurden (Revision des Arbeitsgesetztes
1996 und Öffnung des Elektrizitätsmarktes 2002) und folgert,
dass «das Wohl des Finanzplatzes Schweiz mit dem Allgemeinwohl der
Nation gleichgesetzt (wird)». Natürlich, «Davos»
verdeutlicht, dass die Schweiz in den Globalisierungsprozess eingebunden
ist. So darf ein Einblick in die WTO auch in diesem Essay nicht fehlen.
Jede Politik geht von einem bestimmten Menschenbild aus. In ihrem vierten
Essay Philosophie und Politik verbindet die Autorin philosophische Denkströmungen
mit politischem Gestaltungswillen. Sie zeigt auf, dass Staatsgründer,
die sich eher an Hobbes orientierten, das Volk folgerichtig abwehrten
und disziplinierten, während jene Staatsmänner, die sich eher
an Montesquieu hielten, die Mitbestimmung ermöglichten. Zu Marx/Engels
schreibt Stämpfli: «Vom auf Veränderung arbeitenden Mensch
zur veränderten Gesellschaft war der Weg nicht weit. Die Welt und
damit der Mensch waren bei Marx und Engels nichts Endgültiges und
Absolutes. Sondern ein Prozess des Werdens und Vergehens. Diese Veränderung
schloss sowohl das Denken als auch die Umstände mit ein. Was aber
war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Oder auf die philosophische Sprache
übersetzt: das Denken oder das Sein? Ist die Materie ein Produkt
des Geistes, nämlich Idealismus und damit Streben nach dem Guten?
Oder ist der Geist nicht viel eher ein Produkt der Materie? Einfach gefragt:
Kommt zuerst das Fressen und dann die Moral? Oder steht die Moral dem
Fressen vor?»
Den Wandel der Politik zum Politainment schildert die Autorin in ihrem
fünften und letzten Essay Das Marketing der Politik: Vom Symbol zur
Unterhaltung. Präzis und bilderreich verdeutlicht sie den Zusammenhang
zwischen Politik und Medien. «Was vorher die politischen Obrigkeiten
mit der Kunst symbolischer Herrschaftsinszenierung vorexerziert hatten,
durfte nun die Warengesellschaft übernehmen. Kein Wunder, dass die
Techniken der Warengesellschaft schliesslich auch wieder die Politik eroberten.
Während die Konsumgesellschaft vorwiegend private Bedürfnisse
nicht nur zu befriedigen, sondern auch zu wecken versuchte (das neue Zeitalter
der Begehrlichkeiten), entwickelte sie neue Techniken für den Aufmerksamkeitsmarkt.»
Die Autorin schildert, wie Eigenschaften eines Menschen zu einer öffentlichen
Ware werden (so die Haare der Bundesratskandidatin Micheline Calmy-Rey)
und damit auf dem Markt in Konkurrenz nicht nur zu anderen Eigenschaften
(anderer Menschen), sondern auch zu Sachfragen treten. Der Wahlkampf wird
zu einem Gladiatorenereignis: Konsum statt Kommunikation. Politik droht,
(wieder) zum Spiel zu werden – Brot und Spiele eben.
Im Anschluss an jeden Essay setzt Regula Stämpfli einzelne Begriffe,
die sie im ausführlichenAbc erläutert; Begriffe, die den einzelnen
Essay ergänzen und damit das
politische Denken abermals erläutern. Ein Abc von A wie Agenda Setting
bis Z wie Zauberformel, das einen zweiten, anderen Zugang zur Politanalyse
erlaubt, zugleich Aufklärung und kritisches Fragen bestärkt.
Regula Stämpflis Werk vermittelt im besten Sinne politisches Denken!
Ihre Lust am Analysieren und am Vermitteln politischer Zusammenhänge
ermutigt zu einem eigenen Blick auf die politischen Prozesse. Ein «Must»!
Lisa Schmuckli
Lisa Schmuckli
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