Lesetips Rezension


Regula Stämpfli:
Vom Stummbürger zum Stimmbürger. Das Abc der Schweizer Politik.
Orell Füssli Verlag, Zürich 2003, 192 Seiten, Fr. 42. –

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Um es gleich vorwegzunehmen: Regula Stämpfli, profunde Kennerin der Schweizerischen Politik, in Brüssel lebend und damit auch eine für die unabhängige Analyse wichtige Distanz wahr, bietet einen präzisen, wunderbar schmissigen Einblick in die Funktionsweisen der Schweizer Politik; ihr Werk kommt kurz vor den eidgenössischen Wahlen im Herbst wie gerufen! In fünf gut lesbaren Essays beschreibt sie prägnant die Mechanismen der Politik; und in einem Abc bietet sie einen Überblick über Begriffe und (Un-)Worte aus der Politszene, so dass die politischen Analysen der Tagespresse entzifferbar (und damit auch kritisch einschätzbar) werden.

Haben Sie gewusst, dass die Hälfte aller weltweiten Abstimmungen auf die Schweiz fällt? Wie steht es um den Zusammenhang zwischen Urdemokratie und Verweigerung des Stimmrechts der Frauen bis 1971? Und warum ist es gerade unschweizerisch, «schweizerisch» zu sein? Fragen, die Regula Stämpfli in ihrem ersten Essay Die Macht der Politik oder: Welche Demokratie ist gemeint? aufgreift. Sie skizziert den Wandel vom Staatenbund zum Bundesstaat, nimmt den Anspruch der Schweiz, Urdemokratie zu sein, kritisch ins Visier, diskutiert den Begriff «Volk» und schält die Eigenarten helvetischer Organisation politischer Macht differenziert heraus, indem sie – gekonnt und flüssig – auch durch die politischen Systeme Europas flaniert.

Die politische Gegenwart der Vergangenheit, so die Überschrift des zweiten Essays, zeigt den Zusammenhang zwischen Politik und Geschichte. (Ein Beispiel: Der Widerstand gegen die Einführung der Sommerzeit lässt sich als Wiederholung des Widerstandes gegen die Einführung eines einheitlichen Zeitmasses bei der Gründung des Bundesstaates 1848 erklären.) Die Historikerin Regula Stämpfli dokumentiert geschichtliche Fragestellungen (Organisation des Verkehrs, der Finanzen, der Bildung und der Zölle bei der Bundesstaatsgründung) so, dass sie zur Erhellung politischer Mechanismen der Gegenwart beitragen. Was wiederum die Politologin Stämpfli zu weiterführenden Reflexionen antreibt.

Und was hat das Nein zum EWR mit dem Konkurs der Swissair zu tun? Diese Zusammenhänge dröselt die Autorin im dritten Essay Die Verwirtschaftlichung der Politik auf. Sie verweist darauf, dass in den letzten Jahren nur gerade zwei Abstimmungen gegen die Wirtschaft gewonnen wurden (Revision des Arbeitsgesetztes 1996 und Öffnung des Elektrizitätsmarktes 2002) und folgert, dass «das Wohl des Finanzplatzes Schweiz mit dem Allgemeinwohl der Nation gleichgesetzt (wird)». Natürlich, «Davos» verdeutlicht, dass die Schweiz in den Globalisierungsprozess eingebunden ist. So darf ein Einblick in die WTO auch in diesem Essay nicht fehlen.

Jede Politik geht von einem bestimmten Menschenbild aus. In ihrem vierten Essay Philosophie und Politik verbindet die Autorin philosophische Denkströmungen mit politischem Gestaltungswillen. Sie zeigt auf, dass Staatsgründer, die sich eher an Hobbes orientierten, das Volk folgerichtig abwehrten und disziplinierten, während jene Staatsmänner, die sich eher an Montesquieu hielten, die Mitbestimmung ermöglichten. Zu Marx/Engels schreibt Stämpfli: «Vom auf Veränderung arbeitenden Mensch zur veränderten Gesellschaft war der Weg nicht weit. Die Welt und damit der Mensch waren bei Marx und Engels nichts Endgültiges und Absolutes. Sondern ein Prozess des Werdens und Vergehens. Diese Veränderung schloss sowohl das Denken als auch die Umstände mit ein. Was aber war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Oder auf die philosophische Sprache übersetzt: das Denken oder das Sein? Ist die Materie ein Produkt des Geistes, nämlich Idealismus und damit Streben nach dem Guten? Oder ist der Geist nicht viel eher ein Produkt der Materie? Einfach gefragt: Kommt zuerst das Fressen und dann die Moral? Oder steht die Moral dem Fressen vor?»

Den Wandel der Politik zum Politainment schildert die Autorin in ihrem fünften und letzten Essay Das Marketing der Politik: Vom Symbol zur Unterhaltung. Präzis und bilderreich verdeutlicht sie den Zusammenhang zwischen Politik und Medien. «Was vorher die politischen Obrigkeiten mit der Kunst symbolischer Herrschaftsinszenierung vorexerziert hatten, durfte nun die Warengesellschaft übernehmen. Kein Wunder, dass die Techniken der Warengesellschaft schliesslich auch wieder die Politik eroberten. Während die Konsumgesellschaft vorwiegend private Bedürfnisse nicht nur zu befriedigen, sondern auch zu wecken versuchte (das neue Zeitalter der Begehrlichkeiten), entwickelte sie neue Techniken für den Aufmerksamkeitsmarkt.» Die Autorin schildert, wie Eigenschaften eines Menschen zu einer öffentlichen Ware werden (so die Haare der Bundesratskandidatin Micheline Calmy-Rey) und damit auf dem Markt in Konkurrenz nicht nur zu anderen Eigenschaften (anderer Menschen), sondern auch zu Sachfragen treten. Der Wahlkampf wird zu einem Gladiatorenereignis: Konsum statt Kommunikation. Politik droht, (wieder) zum Spiel zu werden – Brot und Spiele eben.

Im Anschluss an jeden Essay setzt Regula Stämpfli einzelne Begriffe, die sie im ausführlichenAbc erläutert; Begriffe, die den einzelnen Essay ergänzen und damit das
politische Denken abermals erläutern. Ein Abc von A wie Agenda Setting bis Z wie Zauberformel, das einen zweiten, anderen Zugang zur Politanalyse erlaubt, zugleich Aufklärung und kritisches Fragen bestärkt. Regula Stämpflis Werk vermittelt im besten Sinne politisches Denken! Ihre Lust am Analysieren und am Vermitteln politischer Zusammenhänge ermutigt zu einem eigenen Blick auf die politischen Prozesse. Ein «Must»! Lisa Schmuckli

Lisa Schmuckli

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