Lesetips Rezension


Ina Boesch:
Gegenleben. Die Sozialistin Margarethe Hardegger und ihre politischen Bühnen.
Chronos Verlag, Zürich 2003. 436 Seiten, SFR 48.00.
Regula Bochsler:
Ich folgte meinem Stern. Das kämpferische Leben der Margarethe Hardegger.
Pendo-Verlag, Zürich 2004. 456 Seiten, SFR 44.00


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Auch ein scheinbar gescheitertes Leben kann zwei Biographien wert sein. Margarethe Hardegger (1882–1963) ist kein Name, der sich dem kollektiven Gedächtnis der Frauen- und der Arbeiterbewegung eingeprägt hat. Genau dort gehört er aber hin. Wird er in Zukunft auch hingehören – dank Ina Boesch und Regula Bochsler, die das radikale «Gegenleben» dieser Frau darstellen, die, ihrem «Stern» folgend, stets von neuem scheiterte. Wohl auch scheitern musste, da sie ihrer Zeit weit voraus war, für ihren Lebensentwurf angefeindet, wegen ihrer Hilfe für schwangere Arbeiterinnen gar zu 10 Monaten «Weiber-Arbeitshaus Hindelbank» verurteilt wurde. Weit bekannter sind andere Namen, die zu dieser Biographie gehören. Von Rosa Luxemburg und Clara Zetkin bis zum Arzt und Anarchisten Fritz Brupbacher oder zur Pazifistin Gertrud Woker. Allen voran Gustav Landauer. Nachdem der bedeutende Theoretiker des Anarchismus und Führer der MünchnerRäterepublik durch eine konterrevolutionäre Soldateska umgebracht worden war, entdeckte seine älteste Tochter in der Brieftasche des Ermordeten dasBild«einer jungen hübschen Frau, die mit grossen klugen Augen in die Kamera schaut» (Bochsler). Es trägt die Widmung: «Als der Kamerad noch ganz alleinstand … im Winter 1907/08» und ist mit «Mark Harda» unterschrieben, dem Pseudonym von Margarethe Hardegger. Sie schreibt noch zwölf Jahre später:«Dieser Totschlag hat die Welt beraubt – aber mich am schwersten.»

Eigentlich sieht zunächst alles nach einer für die damalige Zeit aussergewöhnlichen Frauenkarriere aus. Die Telefonistin und Jusstudentin aus dem Berner Länggassquartier, Tochter einer pietistischen Mutter und Hebamme sowie eines sozialreformerischen Vaters und Telegrafisten, wird 1904 mit 22 Jahren die erste Sekretärin des SGB. Sie hatte sich den massgeblichen Männern des SGB, Herman Greulich und Howard Eugster-Züst, für dieses Amt als schreibgewandteIntellektuelle und mitreissende Rednerin, ja als Organisatorin zweier Streiks von Seiden- und Tabakarbeiterinnen empfohlen. Doch da gibt es noch zwei männliche Sekretariatskollegen, sie sind an die dreissig Jahre älter als die «rote Margrit» und konservativen Zuschnitts. Für sie mag es noch angehen, dass sich die Sekretärin für das Frauenstimmrecht und eine Mutterschaftsversicherung einsetzt, dass sie aber auch für die «freie Liebe» eintritt, die Frauen über Verhütungsmethoden aufklärt und gar noch das Militär abschaffen will, ist der Provokation zuviel. Vordergründig dreht sich der Konflikt um Hardeggers mangelndeBüropräsenz. Die begnadete Agitatorin bewegt sich lieber unter Arbeiterinnen, Putzfrauen und Dienstmädchen. Die zahlreichen Artikel für die von ihr herausgegebenen Zeitungen «Die Vorkämpferin» und «L’Exploitée» erledigt sie zu Hause, wo sieauch ihre beiden Töchter betreuen muss.

1909 erfolgt die Entlassung. Die roten Patriarchen sind wieder unter sich.Freiheit ist das höchste Ideal der Feministin, die in der Ehe nur ein «den Nützlichkeits- und Räuberinstinkten des Mannes zuliebe geschaffenes Gewohnheitsrecht» sieht. Mit August Faas, einem späteren Rechtsanwalt, Bezirksrichter und Zürcher SP Kantonsrat, wird sie ihren Grundsätzen untreu, um seine Karriere nicht zu gefährden. Die beiden gehen eine «offene Ehe» ein, von der vor allem Faas Gebrauch macht, bis sie auseinander fällt und 1912 geschieden wird. Aber die Streitereien um die Unterhaltsverpflichtungen des engherzigen «Herrn Doktor» haben damit noch lange kein Ende. Mit Gustav Landauer verliebt sich Margarethe Hardegger in den Mann, mit dem sie glaubt, die Welt verändern zu können. Doch Landauer desavouiert seine anarchistische Theorie durch seine patriarchale Lebenspraxis (wie er sich auch weigert, in einer Landkommune zu leben, die seinem «Aufruf zum Sozialismus» entsprochen hätte). Da er sich von seiner Ehefrau nicht trennen will, dient ihm die Gefängnisstrafe der Geliebten wegen einer falschen Zeugenaussage als Vorwand für den Bruch. Margarethe Hardegger, die ihr Leben lang gegen Ehen als «Doppelmumien» wettert, verheiratet sich 1950 dann doch wieder – diesmal auf Drängen der älteren Tochter – mit Hans Brunner, einem deutschen Schreiner, der ihr seit 35 Jahren «eine Stütze» ist. In Minusio führen die beiden ein entbehrungsreiches Leben am Rande des Existenzminimums. 1908 hält Landauer in Bern einen Vortrag, der für Margarethe Hardegger ein «heiliges Ereignis» wird. Entlastet von den Querelen der SGB-Zeit, kann sie wenig später Zellen für den Sozialistischen Bund Landauers gründen und die Herausgabe seiner Zeitschrift
«Sozialist» vorbereiten. Sie bewegt sich vorübergehend auch in der anarchistischen Bohème von München und geht eine kurze Liaison mit einem anderen Anarchisten, Erich Mühsam, ein, den der SS-Staat 1934 im KZ Oranienburg umbringen wird. Die anarchistischen
Ideen Landauers aber lassen Margarethe Hardegger nicht mehr los. Mit Siedlungsversuchen «im Geiste Landauers»
in Herrliberg – hier zusammen mit religiösen Sozialistinnen und Sozialisten – und im Tessin will sie Inseln der Zukunft errichten und sich dem Kapitalismus schon im Hier und Jetzt entziehen. Fehlende Geldmittel und vor allem menschlich-allzumenschliche Unverträglichkeiten zwingen zum Abbruch der «sozialistischen Gehöfte».

Schon beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss die Pazifistin mit Entsetzen feststellen, «wie der Krieg die Mehrheit der Arbeiter von glühenden Internationalisten in ebenso glühende Nationalisten verwandelt» (Bochsler). Später schliesst sie sich der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit an, deren Schweizer Sektion unter dem Vorsitz von Clara Ragaz steht. Der auf Ordnung bedachten Präsidentin missfällt die «Spontifrau», die im Tessin eine eigene Gruppe aufzieht, ohne die Zentrale um Erlaubnis zu bitten; denn das könnte «die Liga diskreditieren». Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Hardegger Mitbegründerin der Schweizerischen Friedensbewegung. Noch 1963 nimmt sie am ersten Ostermarsch teil. Wenig später stirbt sie mit 81 Jahren.

Gescheitert ist auch die berufliche Laufbahn. In immer neuen Anläufen versucht sie, ihr Jusstudium doch noch zum Abschluss zu bringen. Zwei Dissertationen, die eine über Textilarbeiterinnen, die andere über das Abtreibungsverbot, bleiben unvollendet. Schliesslich machen die Vorstrafen wegen des falschen Alibis für einen anarchistischen Bombenleger 1912 und wegen Beihilfe zur Abtreibung 1915 die Zulassung zum Examen gerne geworden. Sie wollte mit Büchern die Menschen aufrütteln, wenn da nicht die «Notwendigkeiten und Dringlichkeiten des Lebens» gewesen wären. Nicht einmal die Autobiographie will gelingen. Regula Bochsler schreibt darum, ihr Buch sei «der Versuch, nach mehr als einem halben Jahrhundert das nachzuholen, was Margarethe Hardegger nicht vergönnt war». Margarethe Hardegger lässt sich den Glauben an den Neuen Menschen nicht nehmen. Immer mehr treibt sie die Sinnfrage um. Sie sei «nicht moskowitisch geworden, wohl aber recht mystisch», spottet Fritz Brupbacher. Sie sucht die Nähe zu esoterischen Kreisen, aber auch zum Religiösen Sozialismus. Leonhard Ragaz lädt sie ein, für«Arbeit und Bildung» einen Vortrag über «Anarchismus» zu halten. In den Neuen Wegen erscheinen einige ihrer Gedichte. Man könnte aus ihr sogar Ragazsche Sprache heraushören. «Das wird für uns noch ein grosses Gericht», lautet z.B. Hardeggers Kritik an der Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Für Alfred A. Häsler gehörte Margarethe Hardegger «zu den nicht allzu vielen, die reinen Herzens einen Humanismus vertraten und lebten, der Hoffnung
vermittelte».

Worin unterscheiden sich die beiden umfangreichen Bücher? Regula Bochsler identifiziert sich mehr mit ihrer «Vorkämpferin», während Ina Boesch Distanz wahrt, selbst für die Entlassung Hardeggers aus dem SGB Sekretariat Verständnis aufbringt. Bochslers Arbeit ist über alle 456 Seiten eine klassische Biographie, während Boesch für diese Leben nur ein knappes Drittel des Buchumfanges verwendet und auf doppelt soviel Raum die 23 Organisationen porträtiert, in denen Margarethe Hardegger wirkte, und noch 80 Kurzbiografien von Personen hinzufügt, die mit ihr verbunden waren. Eindrücklich, auch eigenwillig sind die Deutungen, die Ina Boesch an zahlreichen Fotos festmacht. Bei Regula Bochsler erfahren wir mehr über die Person, bei Ina Boesch mehr über das politische und zivilgesellschaftliche Umfeld Margarethe Hardeggers.

Ist Margarethe Hardegger wirklich gescheitert? Zwei Biographien, die dieses Leben wert finden, erzählt zu werden, legen das Gegenteil nahe. Im Scheitern hoffen zu können, ist nicht wenig!

Willy Spieler

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