18. Dezember 2021

Wunder

Der verlorene Schlüssel des Mannseins

Usama Al Shahmani, 8. Juni 2021
Neue Wege 6.21

«Wie hasse ich dieses arabische Klischee: ‹Die Menschen sind gleich wie die Zähne eines Kamms›. Das ist eine absolute Dummheit. Wir sind nicht gleich, niemals. Ich bin ein Mann. Verstehst du, was das bedeutet?», sagte ein Busfahrer, Mitte vierzig, zu seinen Kollegen im Café Schabender in Bagdad. Das Café ist gross und liegt in der Nähe des Tigris. Ich besuchte es oft während meiner Studienjahre an der Universität Bagdad. Ich habe mich damals nicht gefragt, weshalb dieser Mensch denkt, dass er den anderen nicht gleicht, weil er ein Mann ist. Bedeutet Mann zu sein besser zu sein als die anderen? Die Männlichkeit in der Kultur, in der ich aufwuchs und erzogen wurde, hat bedingt mit dem Körper zu tun. Sie enthält einen Haufen von Fragmenten, an die Männer glauben; dass sie privilegiert sind und mehr Ansprüche an das Leben haben dürfen, weil sie Männer sind. Sie erlauben sich zu herrschen, Macht oder Härte zu zeigen und auf keinen Fall eine Spur von Schwäche zu hinterlassen.

Auch das Wort an sich, «radschul», das arabische Wort für Mann, stammt von der Bedeutung, auf eigenen Beinen zu stehen oder sich auf sich selbst zu verlassen, um ein Ziel zu erreichen. Das Feld dieser Bedeutung breitet sich so weit aus, dass ein Mann eigentlich auch keine Hilfe annehmen soll. Die arabische Kultur hat das Wort «radschul» über den Raum des Geschlechtes hinausgehoben und ihm gewisse Heiligkeit gegeben. Darüber reden viele Araber nicht gerne, weil sie es nicht infrage stellen wollen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, auch in der arabischen Literatur findet man nicht viel darüber. Einer der einzigen Schriftsteller, die das Thema literarisierten und zur Sprache brachten, war Nagib Machfus in seiner Romantrilogie Zwischen den Palästen, Palast der Sehnsucht und Zuckergässchen. In diesen Werken zeigte er den Raum des Mannseins im arabischen Geist auf. Sein Protagonist Sy Seyd ist der harte Vater und Diktator zu Hause. Sein Wille ist unbesiegbar, sein Wort wird nie gebrochen. Er bringt seine Gedanken ungehindert zum Ausdruck, trifft alle Entscheidungen allein, erlaubt sich, was er den anderen verbietet, und lässt jede Gelegenheit, sich zu entschuldigen oder einen Fehler zuzugeben, aus. Nagib Machfus hat den Kern der Sache getroffen, denn ein Mann in der Kultur soll alle Schlüssel besitzen, und wenn er im Leben irgendeine Tür trifft, für die er keinen Schlüssel hat, dann bricht er diese Tür ein.

Es gibt nichts Schwierigeres für Männer, als Gefühle zu zeigen: Trauer, Angst, Verzweiflung, Reue und Sehnsucht. Und es ist ein Tabu, Tränen fliessen zu lassen, Tränen bedeuten das absolute Gegenteil des Mannseins.

Ich wurde in einer rauen Sprache erzogen. «Rede wie ein Mann» oder «Weine nicht, Männer tun das nicht» und viele andere Sätze hörte ich als Junge ständig, sogar schon als kleines Kind von fünf Jahren. Oft beginnen die Familien, ihre Söhne ab fünf oder sechs Jahren als Männer zu behandeln. Meistens hat ein Junge bereits viele der Pflichten eines Mannes, nur wenn es um seine Meinung geht, wird er als Kind behandelt. Was ich schon als Kind hautnah spürte, war, dass Frauen immer in den Schatten gestellt und komplett von der Männer­welt isoliert werden.

«Frag nie eine Frau nach Empfehlungen oder Ratschlägen», «Setz dich nicht zu viel zwischen Frauen, Weiblichkeit ist ansteckend» und viele andere Beispiele brachten auch eine gewisse Angst der Männer vor den Frauen zum Vorschein, und ständig sind sie vor ihren Welten auf der Flucht. Natürlich interessieren sie sich für die Frauen, aber in ihre Welten wagen sich die meisten Männer nicht, als ob das ihre Identität als Mann verstümmelte.

m Café Schabender habe ich jahrelang keine Frau gesehen. Es war eine absolute Männerwelt, in der sich niemand fragte, woher diese Isolation stammte und wieso sie so scharf und hart gehandhabt wurde. Manchmal denke ich über das, was ich von irakischen Frauen hörte, nach. Ich glaube, dass auch die Frauen eine Hauptrolle gespielt haben beim Schmieden der falschen Identität des Mannseins. Die Sprache unserer Mutter bringt hervor, wer und was wir sind. Wie oft habe ich im Irak gehört, wie Frauen ihren Söhnen, Enkelkindern, Brüdern und so weiter sagen: «Geh aus der Küche, da gehörst du nicht hin!»

«Aber warum?», fragte ich ein paar Frauen in meiner Familie, als ich noch im Irak lebte. Eine überzeugende Antwort erhielt ich nie. Also begann ich, Männer zu fragen.

«Ein echter Mann kocht nicht, webt nicht und arbeitet nicht in Räumen, wo die Mehrheit Frauen sind», sagte mir mein Vater.

«Warum?», hakte ich nach.

«Ja, das lässt die Männlichkeit schmelzen. Was soll ich in einer Küche machen? Ich fühle mich beengt. Ich kenne mich nicht aus. Welches Gemüse muss geschält werden? Was gehört wem? Ich fühle mich wie in einem Labyrinth», erklärte er mir, und seine Augen weiteten sich mit jedem Wort.

Mein Bruder, der Historiker ist, meinte: «Die Küche ist der einzige Ort, in dem das Scheitern so klar wird. Dieses Scheitern bietet kaum Möglichkeiten, sich zu retten. Was mache ich mit überkochter Milch, mit einem angebrannten Spiegelei oder einem kaputten Reis? Ich kann nicht damit umgehen, meine Werke in den Abfall zu werfen und meinem Scheitern ins Auge zu sehen.» Das überraschte mich.

«Aber du fährst Auto. Kochen unterscheidet sich nicht gross von Autofahren. Alles, was man braucht, ist Konzentration, ein bisschen Mut und ein paar Regeln, die man lernen kann.»

Das war mein Versuch, meinen Bruder auf irgendeine rationale Schiene zu bringen.

«Was für eine Philosophie. Bist du Schweizer geworden, dass du die Sachen so schematisch wahrnimmst? Ich verstehe nicht, wieso du die ganze Zeit darauf beharrst, uns Männer in die Küche zu schicken. Es ist für mich eine unklare Welt, in der ich mich verliere. Ich bin nicht für das erschaffen.»

Beim letzten Besuch in Bagdad, 2017, stellte ich die gleiche Frage meinem Freund Milad. Er ist Journalist, arbeitet viel, und manchmal ist er kurz vor dem Verhungern, weil er auf seine Frau, die Zahnärztin ist und immer viele Termine hat, warten muss.

«Ich kann nicht kochen, verstehst du?», sagte er mit lauter Stimme.

«Besuch doch einen Kurs», erwiderte ich.

«Bist du verrückt? Ich soll meine Arbeit verlassen und einen Kochkurs besuchen, um ein Mittagessen zu bekommen? Meine liebe Frau tut das für mich am Abend, ich warte gerne», lachte er seine Frau an, die uns am Esstisch gegenübersass. Sie schaute ihn an und schüttelte ihren Kopf.

Ich persönlich nehme die Küche anders wahr. Während meines Studiums in verschiedenen grossen Städten im Irak lebte ich normalerweise allein oder höchstens mit einer Person von der Uni zusammen. Es waren die Kriegs- und Embargojahre. Wir lebten mit einem Mangel an fast allem. Und weil wir kein Geld hatten, gingen wir bei Sonnenuntergang, wenn die Läden schlossen, zum Gemüsemarkt, um in den Gemüseabfällen etwas Geniessbares zu suchen. Das war der Einfall meines Kollegen Nazar. Er studierte Kunstgeschichte, heute lebt er als freier Künstler in Chicago. Nazar und ich brachten das noch brauchbare Gemüse zu unserer WG. Die meisten Gemüseverkäufer waren solidarisch mit uns Studenten und gaben uns ein Stück Gemüse oder so. Damit kochten wir unser Essen, und wir gaben unseren Gerichten literarische Titel wie «Oh, du Wind, nimm mich mit», «Der Spaziergang der erschöpften Krokodile» oder «Der Wasserhahn, der nie tropft». Wir lachten über diese Titel, die für unsere Kollegen an der Uni rätselhaft blieben. Beim letzten Anruf nach Chicago fragte ich Nazar, ob er den Spaziergang der Krokodile noch immer möge. Wir lachten laut.

«Nein, in Amerika haben wir andere Arten von Krokodilen. Schick mir doch bitte Käse und Schokolade aus der Schweiz, damit mich der Wind mitnimmt!»

Mit meiner Flucht aus dem Irak zu Beginn des neuen Jahrtausends erhielt mein Zugang zur Küche eine andere Farbe. In den Asylunterkünften war die Küche eine kondensierte Welt, in der nur Männer waren. Die Gewürze aus Afrika, Asien und Europa bildeten eine Atmosphäre von Verständnis und Miteinander, und darin kristallisierte sich die Männlichkeit als eine Art von Offenheit heraus, auch wenn die Sprache nicht die Hauptfigur in diesem Raum war. In einer Asylunterkunft in Baden war der Heimleiter ein junger Schweizer. Meistens kam er zu uns und kochte mit. Er brachte uns auch etwas von der Schweizer Esskultur bei. Von ihm haben wir «Rösti mit Gemüse» gelernt. Dieses Essen liebe ich immer noch und mache es zu Hause, ohne viel darüber nachzudenken, was die Männlichkeit in der Küche gewinnt oder verliert.

Ich bin gern in der Küche, und ich erinnere mich noch immer an den Satz, den mein Professor einmal sagte: «Ein Schriftsteller muss ein guter Koch sein, denn beide Tätigkeiten haben die gleichen Zutaten: Mut, Geschmack und den Versuch, etwas Neues aus dem Alten zu entwerfen.»

Mannsein ist nicht mehr als eine von vielen Perspektiven, die Welt und das Leben wahrzunehmen. Und dass wir Menschen gleich sind wie die Zähne eines Kamms, ist kein ­Klischee, sondern eine Tatsache.

  • Usama Al Shahmani,

    *1971 in Bagdad, aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasirija), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er musste wegen eines Theaterstücks fliehen und kam 2002 in die Schweiz. Er arbeitet als freier Schriftsteller und als Übersetzer, seit 2021 ist er Literaturkritiker beim Literaturclub des Schweizer Fernsehens SRF. 2018 erschien sein erster Roman, In der Fremde sprechen die Bäume arabisch, 2020 sein zweiter, Im Fallen lernt die Feder fliegen, beide im Limmat Verlag Zürich.