Dies dunkle, dunkle Tal – es soll blühen

Nora Gomringer, 12. November 2018
Neue Wege 11/2018

Der Mord an der Studentin Sophia L. erschütterte im vergangenen Sommer viele Menschen in Deutschland. Wir leben weiter, mit bitterem Geschmack auf der Zunge. Der Mord gibt zu denken: über den Tod mitten im Leben und über Leben gegen seine Instrumentalisierung

«Im Sommer sterben die Leut’.» Dieser Satz ist mein Merksatz, den ich mir 15-jährig einmal ins Tagebuch geschrieben habe. Wenn es besonders schön ist, die Natur ihr Füllhorn mit Opulenz ausstattet und wir uns ob des Sonnenlichts auch mal dabei erwischen, das Wort «wunderbar» die Frage nach dem «Wie geht’s?» beantworten zu lassen, sterben «meine» Leut’. Es ist eine Wahrnehmungssache, statistisch sicher kaum zu belegen; es hat allein mit meiner selektiven Wahrnehmung zu tun. Die meisten Tränen um anderer willen vergiesse ich im Sommer. Vielleicht, weil die Mitte des Kalenderjahres für das Leben selbst steht. «Der Frühling verheisst, der Sommer heizt, der Herbst, er weiss, der Winter beisst.» Dies wieder in meinem Tagebuch entdeckend, stelle ich fest, dass ich wohl eine Eins-A-Kalenderweisheitendichterin hätte werden können. 

Ich trage dieses Denken um den Tod also schon länger in mir und prüfe, ob es dem Leben mit seinen Tatsachen und meinen Erfahrungen standhält. Ich vermute, dass der Dichter Rainer Maria Rilke in seinem Schlussstück genau dieses Denken teilt: «Der Tod ist gross. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.» Mitten im Leben, wenn alle Maschinen in Fahrt sind, wir Kinder, EhepartnerInnen, Häuser, Kolleginnen und Kollegen, Haustiere, Autos, Hobbys aufzählen, um uns der Welt kenntlich zu machen, reisst ein Tau, das eigentlich wohl nie ein dickes Seil war, sondern immer eher der sprichwörtliche «seidene Faden», an dem das Schicksal hängt. Aber gefühlt … ist es ein Tau, eine Nabelschnurverbindung mit dem Leben, die mit Kraft und durch viel Kraft pulsiert. Reisst nun diese Verbindung mitten im Leben, werden alle Wunden sichtbar, die Haut und Blut sonst verbergen. 

Unsere Wohnungen werden betreten, unsere Konten gesichtet, unsere Toilettenartikel von den Regalen genommen, man sieht in unsere Spiegel und sieht uns nicht mehr. Die letzten Lektüren liegen noch aufgeschlagen oder eselsohrig auf Nachttisch und Sofa, unsere Handys verraten, wie wir von uns und anderen dachten, die Fotoflut darin ist unendlich, in unseren Kühlschränken sind Lebensmittel, die uns nie mehr kräftigen und schmecken werden. Unsere Verwandten weinen, unsere Freunde sind fassungslos. Je nachdem, wie alt und sozial verträglich wir sind zum Zeitpunkt unseres Ablebens, desto intensiver, liebevoller und sehnsüchtiger ist die Trauer, desto höher ist die Zahl derer, die mit Wehmut an uns denken. An unser Leben, seinen Fadenriss, die Umstände unseres Daseins und nun: Fortseins.

Manchmal ist es leicht, Menschen verschwin­den zu lassen. Sie verschwinden aus Karteien, werden im System gelöscht, Körper verbrennen, sinken auf tiefe Gründe, in Kriegen zerfetzen Bomben alles Lebendige, oder Körper werden von Tieren zerrissen. Unkenntlichkeit spielt dabei eine Rolle. Was wir Lebenden noch als Körperentität erkennen, das birgt noch die Erkennung und kann damit Zugehörigkeitsgefühle wecken. Eine Walmutter durchzieht die Medien dieses Sommers. Sie zieht ihr Kalb an der Flosse mit sich. Ihr Kalb ist seit Monaten tot. Trauer im Tierreich verblüfft uns Menschen so tief, dass es mich persönlich schmerzt, denn sicher ist es besonders naiv anzunehmen, dass Tiere nicht Verlust empfänden, wenn ein Genosse von ihrer Seite weicht. Jemanden oder etwas zu vermissen – allein aus Gründen der Pragmatik –, ist uns allen gegeben, weil das Leben ein Gemeinschaftserlebnis ist, egal wie einsam man sich wähnt oder es de facto ist. 

Im griechischen Theater, genauer der aristotelischen Tragödie, sind das Mitleiden und die Reinigung des Gemüts durch ein kathartisches Gefühlsgewitter wesentlich für das Gelingen der Darstellung und den Effekt des Stücks. Auch unser Leben gelingt besser, wenn wir es hin und wieder «reinigen» durch Entrümpelungen, Therapien, Theater und nicht zuletzt Tränen der Trauer, des Mitgefühls, der Rührung. Wir erkennen Wert darin, durch die Trauer um andere, uns selbst besser wahrzunehmen, unser Leben neu zu sehen und schätzen zu lernen. Wir Menschen sind grosse Verwertungsmaschinen, kluge Organismen, die reagieren, kopieren, ja, unsere Umwelt dominieren, um uns und das Wohl unserer Spezies durchzusetzen. Damit richten wir Schaden an, bringen uns aber auch grossen Nutzen. 

Der New Yorker Dichter Walt Whitman, der mit O Captain! My Captain! ein Todesgedicht auf seinen Zeitgenossen, den Präsidenten Abraham Lincoln, schrieb, hat Texte und damit Gedanken verstetigt, die den Körper, das Leben, die Vielgestaltigkeit der Gesellschaft, ihre harten und weichen Grenzen aufzählten und wie eine poetische Inventur wirkten. Die Sprache wird zur grossen Feier, zum Werkzeug gegen das Vergessen, das doch überall und nach egal wie einprägsam gelebtem Leben droht. 

In Deutschland sind wir auf Gedächtnis trainiert. Wir haben ein Wort dafür: «Erinnerungskultur» heisst es und führt wie alle Topoi, bei denen wir uns nicht ganz sicher sind, die Verstetigungsvokabel «kultur» mit sich. Wir bauen und erhalten Denkmäler, achten auf Feier- und Gedenktage, schweigen minutenlang, unsere PolitikerInnen entschuldigen sich, sinken auf die Knie, legen Kränze ab in unser aller Namen. In unseren Schulbüchern steht, dass wir Kriege begonnen und verloren, Menschen als Hexen gefoltert und getötet und vor nicht langer Zeit vergast haben, dass Schuld Teil unserer Erinnerung und Gegenwart ist. Unsere Schrebergärten haben ausgefeilte Hausordnungen, unsere Friedhöfe genauso. 

In ausgeklügeltem Reglement kommen wir zur Welt und gehen wieder, wenn wir angemessenen Alters und natürlich geschwächten Leibes und Geistes geworden sind – so das Ideal. Nach aller Individualisierung sterben wir in Heimen mit abwaschbaren Oberflächen unter Aquarellen, die Gräser und Landschaften zeigen. 

Alles aber ist anders, wenn eine 28-jährige Frau stirbt, getötet in einem Land, das sich als liberal versteht, derzeit aber «rechts geplagt» ist und in dem man daher aufpassen muss, was man sagt, wenn man vom Täter berichtet, um nicht noch mehr Schärfe in der Debatte zu erzeugen, noch mehr Mitmenschen in die Falle der Xenophobie zu schubsen. Das Opfer, das sind wir. Wir Frauen, zu Tatkraft und Mut erzogen, aufgewachsen mit eigenen Idealen, gebildet und auf Fotos lächelnd, mit verschiedentlich gefärbten Haaren, mit Liebhabern oder Frauen, die wir küssen. Wir Frauen, die wir uns mitten im Leben meinen, am Ende des Studiums vor neuen Entscheidungen, mit Geschwistern, die noch nicht wissen, was sie werden sollen, oder solchen, die nicht mehr sein wollen, was sie doch geworden sind. Wir Frauen, die wir über unsere älter gewordenen Eltern nachdenken und uns fragen, wie der Abschied einmal sein wird, wie und was wir erinnern werden. 

Wir Frauen eben. Wir Schwestern, Töchter, Freundinnen, Cousinen. 

Als sie verschwand, war’s erst ein Raunen, das durch Facebook lief. Ihr Bruder suchte sie, die per Anhalter nach Hause wollte, und stellte Bild und Daten seiner Schwester für uns alle ein, wir teilten, und so fühlten wir uns bereits involviert. Tage vergingen, der Newsfeed deckte das Suchbild zu, doch hier und da: Die neu Geteilten taten sich auf. In den Nachrichten: Fragen, Nachfragen, Warten. Kaum hatte ich aktiv den Stand der Ermittlungen verfolgt, und doch auf einmal um mich herum, sprangen sie auf: Geschichten von der jungen Frau, der Studentin, der Aktivistin, Organisatorin, der auf den Fotos Lächelnden. Die Leute reden so viel, dass man wieder froh ist, wenn sie aufhören, denn es ängstigt einen die Vorstellung, man selbst würde derart gedanklich und verbal seziert. 

Und dann die Gewissheit, ein Leichenfund, mehr Gewissheit und das «ein» wird ein «der»: Es ist ihr Körper. Der mutmassliche Mörder soll sie in Deutschland getötet und in seinem Lastwagen nach Spanien transportiert haben. Die Familie will trauern, will sich an der Erinnerung ihrer jungen Frau aufbauen, will ihre Ideale zu den ihren erklären, bittet und mahnt, den Mord nicht den Wölfen in den Köpfen zu überlassen, sondern Haltung, Gewissen, Fairness zu behalten. Der Sommer heizt, er soll nicht hetzen. In meiner Stadt, die die junge Frau als Studentin und Festivalkoordinatorin kannte, trauern wir. Zur Trauer essen wir Eis, schwimmen im Fluss, packen die Rucksäcke, um auf Reisen zu gehen, überlegen das mit dem Trampen, posten auf Instagram unsere Körper am Strand, die wir stolz mit «Beach Bodies» untertiteln, weil wir Frieden machen wollen mit Speck oder Rippe. 

Wir leben weiter, und das mit bitterem Geschmack auf der Zunge, den ich mir so erkläre: Der Körper der getöteten Frau ist der Kern aller Bitternis. Sie ist der Stein, der im See die Wellen um sich ringt, und die in unmittelbarer Nähe zu ihr haben Anteil an der grössten Bitternis. Je weiter der Kreis, desto schwächer der bittere Geschmack. Wo man sich platziert, da schmeckt man den jeweiligen Grad. Ich bin nicht nah an dieser Frau und bin doch sie wegen all der eben aufgezählten Gründe. Das macht die Bitternis, die ich seither schmecke, leicht im Vergleich. 

Die nicht direkt Betroffenen, die lieben und erinnern alle Gegangenen, so wie sie Legenden erinnern, Michael Jackson etwa oder David Bowie. In Bildern, Distanzen, Geschichten, Annahmen. Um mich auf diese Menschen einstellen zu können, die mein Einstellen nie erwartet hätten im Leben, die mich nicht kannten, so wie ich sie nicht kannte, die nie den Tisch mit mir teilten und deren Haut ich nie berührte, zünde ich eine Kerze an und tue dies wieder und wieder. Von allem Lärm entfernt im Gebet mit Maria, die eine Mutter war, der sie den Sohn ermordet haben. 

Die junge Frau, deren Name Weisheit bedeutete, hat eine Familie um sich, die in den Krater eines erloschenen Lebens blickt und daraus allen Ernstes und mit viel Würde neues Leben aus der Asche holt. Dies dunkle, dunkle Tal – es soll fruchtbar blühen, uns die Ängste nehmen, auf dass der Weg hindurch für alle leichter werde. An dieser Stelle also keine griechische Tragödie, kein Racheschwur, kein Hass, nur Langmut und ein ausgesprochenes Vertrauen in uns alle. 

Mit einem Opfer wird hier die Nächstenliebe eingefordert und bereits im Voraus für uns alle mitbezahlt. Wir kennen solche Gedanken aus rührenden Filmen, die oft auf Tatsachen beruhen und die wir trotzdem kaum glauben können. Hier machen Leute Ernst mit dem letzten Willen einer Frau, der nie geäussert, deren Leben jedoch Zeugnis war: 

Liebe, flüstert die Weisheit.

  • Nora Gomringer,

    *1980, hat zuletzt die Anthologie #Poesie herausgegeben und den Lyrikband Moden vorgelegt. Sie ist Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg/Deutschland. Sie bot den in Die Welt vom 18. August 2018 erstmals veröffentlichten Text den Neuen Wegen zum Abdruck an.