Vom Zusammenhang zwischen Armut und Scham

Avji Sirmoglu, Christoph Ditzler, 17. August 2020
Neue Wege 7/8.2020

Das Internetcafé Planet 13 ist ein Selbsthilfeprojekt von Armuts­betroffenen in Basel für andere Menschen in Not. Zwei Mitbegründer*innen schildern, was sie von dort aus beobachten. Sie schauen auf das System, in dem wir alle leben, auf das Leben «draussen», ausserhalb der Armutsbetroffenheit, auf die Gäste, andere Armutsbetroffene und -gefährdete, und auf sich selber.

Zusammenhänge von Armut und Scham sind vielfältig. Es ist die monetäre Armut, die viele Menschen am schnellsten reflektieren. Wenn Menschen verarmen, weil sie die Stelle verlieren und keine neue in Aussicht steht, wenn ihre Ressourcen immer geringer werden und sie sich viel weniger leisten können als zuvor, verbinden sie diese Einschränkung oft mit Scham. Sie können nicht mehr für sich selber aufkommen. Oder sie vermögen nicht mehr für ihre Familie zu sorgen.

Sie ziehen sich zurück, denn soziale Teilhabe – mit Freund*innen ins Kino gehen, miteinander im Restaurant essen, in die Ferien mitfahren, sich beim Einkaufen etwas gönnen – ist nicht mehr in der gleichen Weise möglich wie früher. Sie befürchten, dass anderen auffällt, wie es um sie steht, und weichen Fragen aus.

Kontakte frieren ein. Man muss eventuell die Wohnung wechseln, eine günstigere Wohnung mieten. Je nach Alter, Situation und Beruf kann es sehr schwierig werden, eine neue, gute Stelle zu finden. Die Fragen der Familie und der verbleibenden Freund*innen, wie es denn nun gehe und ob man Vorstellungsgespräche gehabt habe, mag man nicht mehr beantworten, wenn keine Erfolge in Aussicht sind. Man geniert sich, man schämt sich und zieht sich zurück. Man denkt, dass die Nachbar*innen alles mitkriegen, und weicht auch diesen aus.

«Erfolglose» dauernd unter Kontrolle

Erwerbslosen wird durch eine harte Politik die Schuld an ihrem Unglück zugewiesen. Eigenverantwortung wird im Mund geführt. Dabei liegen die Gründe anderswo: Immer wieder schliessen Firmen und entlassen viele Arbeitende. Andere Arbeitgeber*innen sparen an Personal und die Arbeitnehmer*innen leisten Pensen für zwei. Mobbing und Burnout sind Symptome eines knallharten Arbeitsmarkts. Überstunden, Leistungsdruck, schlechte Entlohnung sind an der Tagesordnung. Das trifft Menschen am härtesten, die ungelernt sind oder einen «einfachen» Beruf haben. Viele Bauarbeiter, Strassenarbeiter, Verkäufer*innen oder Serviceangestellte kennen das. Working Poor rackern sich ab und haben nicht genug für ihre Existenz.

Wenn dann am Ende das Geld fehlt, wenn Menschen aus Sicherheitsnetzen fallen, weil sie ihre Einkommensquelle, ihr Erwerbseinkommen und ihren Job verlieren und mit der Zeit über keine flüssigen Mittel mehr verfügen, dann können sie ihre Situation tatsächlich nicht mehr lange vor anderen verbergen. Noch schlimmer wird es für diejenigen, welche in der Folge Sozialhilfe beantragen müssen. Die betroffenen Personen müssen auf den Ämtern alles offenlegen, viele Fragen prasseln auf sie nieder.

Oft stellt sich in dieser Situation aufgrund der Ungerechtigkeit eine Wut ein. Nur hört die Umwelt Betroffenen nicht zu. Wenn sie Glück haben, finden sie auf einer Beratungsstelle Gehör oder bei einer verständnisvollen Fachperson einer Behörde. Aber fast nie finden sie mit ihren Bewerbungen Verständnis bei einem potenziellen neuen Chef oder einer Chefin. Denn diese wollen Erfolgsmenschen. Und wenn dann die Absagen ins Haus flattern, eine nach der anderen, fallen sie wieder in sich zusammen und schämen sich, fühlen sich wertlos. Ohne Perspektiven.

Die «Erfolglosen» stehen dauernd unter Kontrolle. Die Ämter wollen wissen, wie sie sich um eine Neuanstellung bemühen. Dies nagt an den Menschen, es scheint so, als hätten sie alle Aufsicht über sich verloren und müssten stets überwacht werden. Sie schämen sich, dass es mit ihnen so weit kommen konnte.

Konkurrent*innen hinter sich lassen

Viele Familienväter und -mütter ohne Erwerbslohn haben es in dieser Situation sehr schwer. Zu Hause sind Kinder, die dies und jenes brauchen. Der Vater will nicht als Versager dastehen, oder als das, was er darunter versteht. Die Mutter möchte ihrem Kind, ihren Kindern alles gönnen. Die Kinder stehen in der Schule unter Druck. Links und rechts sind die Kinder der sogenannt Erfolgreichen mit ihren Markenschuhen und -jacken. Kinder können grausam sein, reden drauflos, verstehen manchmal nicht wirklich, was sie anrichten, wenn sie andere verhöhnen, und geben gross an. Schon der kleine Kevin, die kleine Rosa oder der kleine Ali wissen schnell, was erfolgreich sein bedeutet.

Ähnlich betroffen sind viele Geflüchtete, die versuchen, irgendwo ein Zuhause zu finden. Diejenigen, die eine Bewilligung erhalten, streben eine Arbeitsstelle an. Sie möchten Aussichten für sich und ihre Kinder finden. Sans-Papiers, die aus allen Netzen gefallen sind, sind irgendwo «da draussen», sie sind die Unsichtbaren. Auch sie begleitet oftmals die Scham, weil sie nicht für sich selber sorgen können. Sie erfahren Misstrauen und Ungerechtigkeit. Sie gelten nicht viel in den Augen anderer. Dass Menschen so entehrt werden, ist eine Schande. Viele Sans-Papiers schämen sich, weil sie es zulassen müssen, so behandelt zu werden. Nur diejenigen, die diese Situationen verursachen, schämen sich nicht.

In unseren Gesellschaften sind Bilder von Wohlergehen, Reichtum und Prestige dominant. Erfolgsmenschen, oder was darunter verstanden wird, sind die Herrschenden. Es wird vorgegaukelt, dass mit finanziellem Wohlstand alles gut wird. Darauf baut die Werbung auf, die zeigt, was alle haben sollten: Smartphone, Laptop, guten Lohn, soziales Ansehen, ein Auto, eine schöne Wohnung oder ein Haus, gute Kleidung, Ferien mindestens zweimal im Jahr, eine flotte Partnerin, einen flotten Partner an der Seite, eine strahlende Familie und vieles mehr. Alles, was die Existenz erleichtert und schmackhaft macht. Bilder über Bilder überfluten uns alle. Mit solchen Wertvorstellungen im Kopf und im Herzen bekämpfen sich zuletzt die Arbeitenden untereinander. Zuvorderst sein, erfolgreich sein, den Ton angeben, ja nicht den Job verlieren, das wird angestrebt. Es gilt vor allem, die anderen, die Konkurrent*innen, hinter sich zu lassen, Nummer eins zu sein. Denn auch die Angst steckt vielen in den Knochen: Um keinen Preis erwerbslos werden. Denn was ihnen dann geschehen könnte, das wissen sie sehr wohl.

Wir könnten nun einwenden, dass die völlige Identifizierung mit der Erwerbsarbeit nie sinnvoll war, weil sie nicht den ganzen Menschen ausmacht. Denn der Mensch ist mehr als nur ein Lohnarbeiter, eine Lohnarbeiterin. Die Menschen haben Gedanken, Zielsetzungen, Familie, Freund*innen, Gefühle, Träume …

Das ist schön gedacht und sicherlich wahr. Doch es müsste demokratische Regeln und Prozesse geben, die allen Menschen ohne Wenn und Aber den Zugang zu Bildung, Wohnung und Gesundheitswesen gewährleisten – für alle verfügbar und erschwinglich.

Existenzsicherndes Grundeinkommen

Erwerbsarbeit für alle Menschen bleibt wichtig. Den Menschen muss bei Erwerbslosigkeit eine Umschulung oder Weiterbildung ermöglicht werden, auch unabhängig vom Alter. Stets heisst es im System der Erfolgreichen: «Sie sind zu jung. Wir suchen Menschen mit Erfahrung.» Dann plötzlich tönt es so: «Sie sind zu alt. Eine Umschulung lohnt sich nicht mehr.» Und dabei propagiert das System das lebenslange Lernen.

Eine Lösung könnte in der Verwirklichung eines existenzsichernden Grundeinkommens bestehen, ohne Abbau der Sozialversicherungsleistungen. Es muss bedingungslos und existenzsichernd zugleich sein, ansonsten wären die Menschen alsbald wieder dort, wo sie sich zuvor befanden – ohne Geld oder nur mit einer sehr mangelhaften Sicherung ihrer Existenz, das heisst ohne soziale Teilhabe.

Ein solches Grundeinkommen bedeutet ein Stück monetäre Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Es schafft Freiräume. Vielleicht haben dann die Menschen endlich mehr Zeit, um von Wertvorstellungen wegzukommen, die gar nicht ihre eigenen sind. Vielleicht können sie sich dann auf andere Werte beziehen und eigene Projekte angehen. Für ein solches solidarisches Gesellschaftsmodell müsste die Gesellschaft den Wohlstand von oben nach unten umverteilen. Allerdings könnte das existenzsichernde und bedingungslose Grundeinkommen nicht alle Bildungskosten abdecken, etwa für Umschulungen oder Kurse. Damit ist zunächst einfach die Existenz abgesichert, nicht mehr und nicht weniger.

Welche Verarmung? Welche Scham?

Man kann sich schämen, weil man sich als Versager*in fühlt, wenn man vieles verloren hat. Dass es aber Armut ist, die zu Grobheit, Skrupellosigkeit, Verlogenheit und Feindschaft führen kann, wird weniger wahrgenommen. Sie schleicht sich ein. Hier ist ehrliche Selbstreflexion gefragt. Meist wird sie vermieden.

Auch während der Corona-Pandemie bereichern sich viele am Elend der anderen. Wir müssten uns schämen für Skrupellosigkeit, die sich einschleicht und nicht geradestehen will für das, was sie verursacht. Der Materialismus legt aber oft die Seelen lahm. Genau hier liegt eben auch eine Verarmung vor. Die menschliche Seele darf nicht zusammengeschrumpft werden auf die Vermehrung von Kapital und auf wirtschaftliches Wachstum.

Die Gefangenschaft in materiellen Wertvorstellungen ist arg – es herrscht die Wehmut über das, was man nicht hat. Unsere seelische Gefangenschaft im materiellen Begehren und Profitstreben geht so weit, dass sie unseren Lebensraum und die Natur zerstört. Strategien der Ablenkung vom Versagen als Gesellschaft gibt es viele. Aber im Gegensatz zur eigenen Armut schämen sich nur die wenigsten für solche Dürftigkeit.

Man schaut zu, wie sich das Pflegepersonal, Dienstleistungsangestellte, Verkäufer*innen oder Bauarbeiter*innen während der Corona-Krise abrackern. Viele leisten Überstunden bis zur Erschöpfung. Der Lohn lässt mehr als zu wünschen übrig. Das ist eine Schande. Weil die Menschen aber meistens nur das Schamgefühl im Zusammenhang mit monetärer Armut und Verarmung kennen, sprechen sie hier nicht von Scham. Es ist aber eine seelische Armut, dass die Gesellschaft dies zulässt. Kennt man noch das Erröten, wenn man bei einer Lüge ertappt wird? Oder spürt man auch das Lügen nicht mehr? Natürlich gibt es auch immer Menschen, die versuchen, gegen den Strom zu schwimmen.

Wir Menschen brauchen Perspektiven und Möglichkeiten für eine bessere Welt. Basis sind aufrichtige Freundschaften, eine solidarische Grundhaltung zu allen Mitmenschen, die Respektierung der Menschenrechte, der Natur, der Tierwelt und ein geistig-seelischer Reichtum. Vor allem auf diesen kommt es an. Er ist der Boden für alles, was wir entwickeln können. Wir studieren und schreiben. Wir leisten inhaltliche, geistige Arbeit, haben Gefühle, und wir leisten auch körperliche Arbeit. Das hängt alles zusammen. Auf allen Ebenen ist Verarmung möglich. Nur die Scham taucht nicht auch auf allen Niveaus auf.

Wenn allen Menschen der Zugang zu Bildung, Erwerbsarbeit, zum Wohnungs- und Gesundheitswesen ermöglicht wird, wenn die Resonanz zwischen den Menschen gestärkt wird, hat das Anpacken einer gemeinsamen guten Zukunft Chancen. Sie hängt von uns allen ab.

  • Avji Sirmoglu,

    und

  • Christoph Ditzler,

    haben das Internetcafés Planet 13 in Basel mitbegründet und engagieren sich bis heute dort. Alle Dienstleistungen des Internetcafés Planet 13 sind kostenlos und niederschwellig. Das Team ist ehrenamtlich tätig.