Danke für die Pointe, Roland

Anna Rosenwasser, 11. November 2021
Neue Wege 11.21

Letztens meldete mir Instagram, das so­ziale Netzwerk, dass ein Beitrag von mir wegen «Mobbing» gemeldet und deshalb entfernt wurde. Der mobbende Beitrag ging so:


Jesus: Ich bin Gottes Sohn und ich bin Gott und mir sind quasi s Gliich aber au zwei verschiedni Persone, und es git au na en Heilige Geist und de isch au Gott und ich bi au de Geist.

Fundis: ok

Frauepaar: Mir sind zwei Fraue und möchted gern hürate

Fundis: unmöglich

Ich bin mir nicht ganz sicher, wo genau das Mobbing lag. War es der Begriff «Fundis», die oft despektierlich genutzte Abkürzung für Fundamentalist*innen? War es die Aussage, dass «Fundis» gegen Frauenpaare sind? War es, dass ich die Heilige Dreifaltigkeit falsch wiederge­geben habe? Ich hab’s extra von einer Person prüfen lassen, die dem Christentum wesentlich näher steht als ich. Falsch­infos verbreiten, auch in Memes, diesen Insiderwitzen des Internets, wäre nicht so mein Ding.

Denn ja: Instagram-Beiträge verbreiten Information. In diesem Beispiel war die Information drin, dass Fundamentalist*innen – hier christliche – komplexe biblische Narrative verstehen und akzeptieren können, sich aber weigern, gleichgeschlechtliche Liebe zu verstehen. Das war der Witz. Wo genau hier das Mobbing liegen soll, verstehe ich bis heute nicht.

Dass Instagram einen Beitrag von mir löscht, weil ihn Unbekannte gemeldet haben, passiert mir übrigens öfters. Vor allem, spezifisch, bei Memes und Witzen. Nicht bei ernsten Erklärposts oder gar Selfies, sondern dann, wenn’s eine Pointe gibt. Ich wurde schon mehrmals vom Konzern verwarnt, dass meine Seite bald gelöscht werde. Eine nicht unwesentliche Meldung, wenn einem 20 000 Menschen folgen.

Mein Humor wurde mir also schon oft vorgeworfen und erfolgreich angekreidet. Das nervt mich zwar und ist eine Bedrohung, aber grundsätzlich muss ich sagen: Gut so. Nicht gut, dass irgendwer meine Memes wegen «Mobbing» melden geht, das find ich natürlich scheisse. Aber im Grunde finde ich es richtig, Menschen bei ihren Pointen zu packen. «Es ist nur ein Witz» ist eine oberflächliche, schlechte Ausrede, die so tut, als stecke hinter dem Witz keine Information. In meinem Beispiel die Information, dass ich etwas gegen queerfeindliche Fundamentalist*innen habe. (Queerfreundliche und queere Christ*innen liebe ich selbstverständlich, aber darum geht’s in dem Text nicht, ich wollt’s nur kurz gesagt haben.)

… Wo waren wir noch gleich? Ah ja. Beim Packen. Ich finde, wir sollten Leute an ihren Pointen packen, einmal kräftig durchrütteln und schauen, was runterfällt. Welche Haltungen impliziert der Witz? Woraus besteht die Pointe? Und, meine liebste Frage: Tritt der Joke gegen oben oder unten? Also: Macht sich eine ­Person über Leute oder Themen lustig, die in goldenem Privileg hoch oben schwimmen? Oder ginggt man Menschen, die beim Hierarchieleiterli eh schon unten im Dreck liegen?

Wenn ich Humor kritisch betrachte, heisst es dann schnell mal, man sollte über alles Witze machen können! Okay, Kolleg, wenn du unbedingt Witze über schlimme Dinge und verletzliche Personen­gruppen machen willst, dann mach halt. Aber: Sind diese Themen einfach Teil des ­Witzes? Oder sind sie die Pointe? Wenn ich einen Witz darüber mache, dass Israelis viel Hummus essen, dann habe ich einen Witz über Israelis und Hummus gemacht. Wenn mein israelischer Onkel Witze darüber macht, dass Hummus etwas vom Einzigen ist, was Araber können, hat er einen Witz gemacht darüber, dass er Araber scheisse findet. Grosser Unterschied. (Ich könnte hier jetzt auch die Pointe wagen, dass Israelis gern so tun, als hätten sie Hummus erfunden, weil Israelis gern arabische Dinge an sich reissen. Das Thema eines Witzes ist nicht das Gleiche wie die Kommunikation einer Haltung innerhalb einer Pointe.)

Humor ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit. Mein Ziel ist es, junge Frauen und Queers für feministische Themen zu sensibilisieren. Bei vielen geht das nicht, indem ich ihnen ein PDF von Judith ­Butlers Gesamtwerk weiterleite. Auch ein zehnteiliger Instagram-Beitrag mit dem Wikipediaartikel zu «Patriarchat» wird wenig bringen. Aber was, wenn ich täglich Memes darüber mache, dass jeder Mensch über den eigenen Körper ­entscheiden soll? Darüber, dass wir uns nicht mehr schlecht behandeln lassen? Darüber, dass wir gleiche Rechte wollen? – Ich bin überzeugt, dass Humor Zugänglichkeit schafft. Und Zugehörigkeit. Wer einen Witz versteht, gehört dazu. Darum erkläre ich manchmal ­Pointen, damit sich niemand aus­geschlossen fühlt. Im Ernst.

Zugänglichkeit bedeutet oft Vereinfachung. Deshalb können politische Witze nicht alles sein. Eine feministische Pointe deutet bestenfalls an, in welches Thema du dich vertiefen kannst; sie bildet nicht, sie macht idealerweise einfach neugierig und aufmerksam. Das ist mir klar, wenn ich Memes poste. Anderen ist das ­weniger klar. Die Vereinfachung wird mir vor­geworfen, und es wäre ein Denkfehler, die Vorwürfe einfach zu ignorieren. Denn auch hier: Vereinfachung kann tatsächlich Falschinformationen produ­zieren, und das will ich nicht. 

Am liebsten hantiere ich momentan mit Vornamen, die für eine Generation typisch sind. Zum Beispiel mit Vornamen, die besonders häufig in meiner Elterngeneration vorkommen, den Babyboomern. «Mit ihrer Figur sött sie das nöd alegge» – «Heb d Frässi, Walter» ist einfach drölfmal lustiger, weil jede*r von uns einen Onkel, Grossonkel oder ehemaligen Lehrer hat, der so heisst. Einen Vornamen reinzumischen impliziert, welches Geschlecht und welche Generation ich einer Aussage zuordnen will. Mir schreiben immer mal wieder junge Frauen, dass sie Trost finden in diesen Witzen, weil ihr gemeiner Chef oder ihr konservativer Onkel denselben Vornamen hat. Im Kopf denken sie sich dann manchmal Dinge wie: Figg di, Roland. Diese Vorstellung find ich schön. Und lustig.

Letztens hat mir ein Roland geschrieben, ich soll endlich mal einen anderen Namen nehmen. Ein bisschen versteh ich ihn ja schon; meine Pointen sind etwas rolandlastig. Aber der Alltag, den ich als Frau bewältigen muss, eben leider auch. Darum bleibt der Roland, stellvertretend für seine Alters- und Geschlechtsgenossen. Ist das eine Rache in Form einer Pointe? Ja. Ist ein Vorname als Pointe ähnlich schlimm wie der Umstand, dass junge Frauen täglich mit Belästigungen älterer Männer klarkommen müssen? Nein.

Der vorletzte Post, für den Instagram fast mein Profil löschte, war übrigens ein Meme darüber, dass schwulenfeindliche Männer gerne Lesbenpornos gucken. Oben stand: «Manche Männer: Wäh, Homosexualität ist so ekelhaft! Dieselben Männer:» – und dann das Bild der Suchleiste einer Pornoseite, in der «Lesben, die Lesbensachen machen» eingegeben wurde. Weil das Meme Pornografie thematisiert, wurde es gelöscht. Ich glaube aber, dass es vor dem Löschen mehr Menschen gesehen haben, als wenn ich einen jugendfreien Essay mit dem Titel «Die cismännliche Fetischisierung von inszeniertem gleichgeschlechtlichem Geschlechtsverkehr unter Frauen» geschrieben hätte. Die Pointe hat ihren Zweck erfüllt.●

  • Anna Rosenwasser,

    *1990, ist feministische ­Autorin und LGBTQ-Expertin. Auf sozialen Medien sensibilisiert sie junge Menschen für gesellschaftspolitische Themen. Ihre Onkel und Grossonkel kommen mehrheitlich aus ­Gegenden, in denen man nicht Roland oder Walter heisst, sondern Dov, Noam, Edouard und Gidéon.