Shadow Thieves

Laura Lots, 12. Juni 2018
Neue Wege 6/2018

2001 begann der Filmemacher Felix von Muralt, fünf seiner Fotografen-Freunde mit der Kamera zu begleiten. Damals ahnte er noch nicht, dass er den Einzug der digitalen Revolution in den Fotojournalismus und das Ende der analogen Ära dokumentieren würde. Seine filmischen Langzeitporträts zeugen vom Kampf der Fotografen um ihr Handwerk, mit dem sie immer weniger verdienen.

Auf die Umwälzungen in ihrer Branche reagieren die fünf Profifotografen ganz unterschiedlich. Der vielfach ausgezeichnete Schweizer Fotograf Thomas Kern schwimmt gegen den Strom und baut sich eine Dunkelkammer – ein anachronistisches Refugium. «Der Typ spinnt!», sagt er über sich selbst. Sein Kollege Luca Zanetti porträtiert auf Reisen durch Lateinamerika Land und Leute. Und ärgert sich, dass für seine AuftraggeberInnen nicht die Qualität der Bilder, sondern ihre sofortige Verwertbarkeit im Vordergrund steht. In Berlin kämpft Maurice Weiss als Fotojournalist und Bildagent gegen die Entwertung seiner Arbeit – mehr schlecht als recht. Er warnt: «Wenn der unabhängige Journalismus stirbt, dann stirbt auch die Demokratie.» Der Pariser Jean-François Joly porträtiert Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Er schiesst seine Bilder mit einer Analogkamera und hadert mit der Digitalisierung. Tomo Muscionico dagegen kann dem Paradigmenwechsel im Fotobusiness Gutes abgewinnen: «Die Digitalisierung hat das Feld demokratisiert», vorher sei das Fotografieren weissen, privilegierten Männer vorbehalten gewesen. Der Schweizer World-Press-Photo-Preisträger, der einst in Kriegsgebieten fotografierte, feiert Erfolge als Lifestylechronist in Los Angeles.

Was ist die Arbeit der Porträtierten heute noch wert? Foto-Tableaus, unterlegt mit elektronischer Musik von Ramón Orza, geben Einblicke in das Schaffen der Porträtierten – und sprechen für sich. Der New Yorker Medienforscher Fred Ritchin ordnet die Aussagen der fünf Fotografen in die Entwicklungen der Bilderbranche seit der Jahrtausendwende ein.

Kurzweilig und klug erzählt die Dokumentation von den Folgen der Digitalisierung für die Berufsfotografie. Und davon, wie die technologischen Umwälzungen uns als MedienkonsumentInnen die Welt sehen lassen. Abermillionen Bilder werden täglich ins Netz geladen. Auf verantwortungsvolle Fotoprofis, die zwischen uns und dem Weltgeschehen vermitteln, sind wird angewiesen wie noch nie. Ein sehenswerter Film mit nur einem Wermutstropfen: Frauen kommen ausschliesslich als Objekte der allesamt männlichen Fotografen vor. Schade.

Shadow Thieves. Dokumentarfilm von Felix von Muralt, Schweiz 2017, 81 Minuten. Mit: Thomas Kern, Jean-François Joly, Maurice Weiss, Luca Zanetti, Tomo Muscionico. Verleih: DCM Films. Kinostart: 31. Mai 2018.

  • Laura Lots,

    *1987, ist Mutter und Hausfrau, lohnarbeitet als Projektkoordinatorin in der Gleichstellung und in der Redaktionsleitung der Neuen Wege. Feministisch aktiv ist sie im Frauen*Zentrum in Zürich und bei der «Eidgenössischen Kommission dini Mueter».